Feb
09
2010
Today

Kommentar

Hoffnungsschimmer aus Kanada

Das kanadische Umweltministerium hat diese Woche bekannt gegeben, zwei Studien in Auftrag gegeben zu haben, die die ökologischen Folgen der Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen und den darauf angebauten Lebensmitteln untersuchen sollen. Erfahrungen aus den USA und Brasilien liessen vermuten,...

Kapital aus Ernährungskrise schlagen E-Mail
Die Vereinigten Staaten wollen aus der aktuellen Ernährungskrise wirtschaftliches und politisches Kapital schlagen. Dahinter steckt ein seit den 1960er-Jahren verfolgte r, technokratischer Ansatz.


Im Mai 2008 schätzte die Lebensmittel- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) den weltweiten Lebensmittelpreisindex auf 230, verglichen mit 100 in den Jahren 1998 bis 2000, 140 im Januar 2007 und 190 im Dezember 2007. Diese jüngste Hyperinflation gefährdet das Leben von einer Billion Menschen in den ärmsten Ländern und verursacht grosse Not bei zehn Millionen Menschen in den reichen Ländern. Die Welt wird allmählich aufmerksam auf die weltweite Umstellung von reinen Nahrungspflanzen (Weizen, Reis, Kartoffeln, Gerste, Roggen usw.) auf Energiepflanzen (Mais, Zuckerrohr, Palmöl, Sojabohnen, usw.). Die jüngsten Lebensmittelunruhen in 37 Ländern haben die aktuelle US-Regierung in die missliche Lage gebracht, Energiepflanzen und genetisch veränderte Pflanzen angesichts des weltweiten Hungers, der Armut und sozialer Unruhen verteidigen zu müssen. Am ersten Juni 2008 behauptete Ed Schafer, Direktor des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA), das faktisch nur Teil eines vom US-Steuerzahler finanzierten, weltweiten Landwirtschaftsgeschäfts ist, folgendes: „Die Vereinten Staaten leisten mehr als die Hälfte der weltweiten Lebensmittelhilfe, die übrigen Industriestaaten sollten sich deshalb verpflichtet fühlen, Nahrungsmittel effizient zur Verfügung zu stellen, ohne den Zugang zu sicheren Technologien zu verhindern“. Diese sicheren Technologien sind die patentierten, sagenhaft teuren und gefährlichen, genetisch veränderten Pflanzen, die hauptsächlich vom zweitgrössten Teilhaber des USDA, dem Monsanto-Konzern, entwickelt werden.

Um der US-Regierung Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muss man sagen, dass die unglücklichen Ereignisse 2007/2008 ine ungünstige Vermischung von mannigfaltigen Erscheinungen und deren langfristigen gesellschaftliche Ursachen sind: (1) Das Versagen der Wissenschaft, (2) das Versagen der Regierung, (3) das Versagen der Wirtschaft und (4) das Versagen der staatlichen Bildung. Deren Hauptursachen liegen im (1) unkontrollierten Bevölkerungswachstum, (2) ausuferndem Energiekonsum, der zusätzlich angezeizt wird durch das Erreichen der Förderspitzen bei der Erdölförderung, (3) explodierende Preise für Kohle, Stahl, Kupfer, Nickel, Zement und vielen anderen Waren, die grundlegend für die weltweite Wirtschaft sind. Des weiteren kann die weltweite Umweltzerstörung, die in Klimawandel, Verwüstung, dem Zusammenbruch der Fischerei, und dem Versagen der „Grünen Revolution“ sichtbar wird, vor der Öffentlichkeit nicht länger ignoriert werden.

An dieser Stelle werde ich die wichtigste Ursache gegenwärtiger Missstände diskutieren: eine willfährige Wissenschaft, die sich daran gewöhnt hat, die schrecklichen politischen Entscheidungen weltweit zu rechtfertigen, ja zu entschuldigen.
Seit dem Zeitalter Newtons gelangten die meisten Wissenschaftler zu der Überzeugung, dass die Natur wie ein Uhrwerk arbeitet. Sie sagten, wenn man jeden Planeten, der um die Sonne kreist sowie deren Monde studiert, könnte man die Zukunft des gesamten Sonnensystems für die Ewigkeit voraussagen. Sie sagten weiter, wenn man alle Lebewesen studiert, könnte man die Zukunft aller Lebenssysteme und ihrer Interaktionen voraussagen. Aber hier lag die Newtonsche Wissenschaft falsch. Es ist wahr, dass ein Uhrwerk auseinander genommen und wieder zusammen gesetzt werden kann. Dann haben wir das gleiche Uhrwerk mit den exakt vorhersehbaren Umdrehungen seiner Zahnräder. Es ist jedoch nicht wahr, dass ein Frosch, ist er einmal in Einzelteile zerlegt worden, wieder zum lebenden Frosch zusammen gesetzt werden kann, der anschliessend vom Tisch springt. Ein lebender Organismus zeigt komplexe Eigenschaften - Verhaltensweisen tauchen auf - die niemals vorausgesagt werden können, indem man nur seine Einzelteile studiert. Deshalb ist unsere Fähigkeit, komplexe Lebenssysteme vorherzusagen niemals exakt oder vollständig. Wenn man hört, dass Umweltzerstörung und Klimawandel ungenügende Beweise sind, um Wissenschaftler oder Politiker zu überzeugen, dann hört man den Geist Newtons und vieler anderer seiner Nachfolger..

Nehmen wir die „Grüne Revolution“, die in den 1960er Jahren begann. Ihre Philosophie beruhte auf Newtons Idee, dass die Natur ein Uhrwerk sei. Die Befürworter sagten, dass wir durch die Züchtung riesiger Pflanzenmonokulturen und deren Kultivierung mit Energie aus fossilen Brennstoffen, mit Kunstdünger, Bewässerung und Vernichtung von Unkraut, Schädlingen und Krankheiten, weltweit eine Landwirtschaft geniessen würden, welche schneller wachsen würde, als die Menschheit. Norman E. Borlaug, der „Vater“ der Revolution, erhielt 1970 den Nobelpreis, für seine Bemühungen die Menschheit vor dem Aussterben zu bewahren. Er verkündete, dass alle Probleme der Nahrungsmittelproduktion gelöst werden würden, wenn wir mehr Kunstdünger, Pestizide und Herbizide auf die Felder geben würden und an den genetischen Veränderungen von Getreidepflanzen arbeiteten. Bis in die1990er Jahre glaubte ihm beinah jeder.

Aber die Wirklichkeit ist weniger rosig als Borlaugs Prophezeiungen. Die ersten Pflanzenzuchtprogramme waren sehr erfolgreich, es entstanden bessere Getreidepflanzen, aber die meisten einfachen „Verbesserungen“ sind jetzt vorbei, und die neuen erweisen sich als illusorisch oder unmöglich. Anfänglich reagierten Böden und Getreide in den Tropen auf die Verwendung von Kunstdünger fünfmal stärker als in den Industrieländern. Aber heutzutage reagiert Getreide beinahe überall auf der Welt gleich. Schädlinge und Krankheiten entwickeln sich weiter und erzwingen alle paar Jahre die Einführung neuer Getreidezüchtungen. Die neuen Züchtungen produzieren nicht mehr Getreide als die alten, aber sie sind resistenter gegenüber den gegenwärtigen Schädlingen. In vielen Teilen der Welt ist es schwieriger geworden, Bewässerung zu ermöglichen. Fruchtbares Ackerland wurde zerstört und erodiert überall, aber an manchen Orten in beängstigender Geschwindigkeit. Massive Waldrodung in den Tropen hat ernsthafte ökologische Probleme geschaffen.

In den 1970er Jahren konzentrierten sich einige Biologen mit einer Tendenz zu Newton, auf die Züchtung von Getreidesorten, die ihre eigenen Pestizide ausscheiden würden. Sie sollten resistent sein gegenüber chemischen Herbiziden. Diese wurden von der Firma produziert, die auch die resistenten Sorten entwickelte. Nehmen wir genetische veränderte Pflanzen und ihren weltweit grössten Hersteller Monsanto: 1980 gab es in den Vereinigten Staaten noch kein genetisch verändertes Getreide. 2008 sind beinahe alle dort angepflanzten Sojabohnen und mehr als die Hälfte des dort angebauten Getreides genetisch verändert. Und noch etwas geschah: Monsanto und einige andere Kooperationen schwammen auf einer Kaufwelle und erwarben fast jede verfügbare Saatgutfirma auf der Welt. Monsantos Strategie ist es, dass alle Landwirte ihren patentierten Samen kaufen, ihre Herbizide benutzen (Roundup), und keine regionalen Wahlmöglichkeiten und Rekursrecht haben. Wie Schmetterlingsfänger in früheren Tagen sammelt Monsanto Samen von den meisten landwirtschaftlichen Pflanzen in der Welt, nimmt bei manchen genetische Veränderungen vor und patentiert die neuen Sorten. Heutzutage besitzt Monsanto nach Angaben des US-Landwirtschaftsministeriums ungefähr 700 biotechnische Patente.

Die US-Bundesregierung war ein geliebter Freund von Monsanto, Cargill und anderen im weltweiten Landwirtschaftsgeschäft. Die Regierung war der Meinung, dass seither nur kleine Teile von Pflanzen genetisch verändert wurden (winzige Gene, die fast nichts wiegen im Vergleich mit dem Gewicht der Pflanze) und diese Pflanzen den unveränderten aufs Haar gleichen. Deshalb bestehe kein Grund zur Sorge. Natürlich liess der falsche Newtonsche Gedanke die Eigenschaften lebender Organismen und ihrer Interaktionen ausser Acht: Dass nach der kleinsten genetischen Veränderung ein Verhalten auftauchen kann, das vollständig verschieden ist und unmöglich vorhersehbar. Diese Veränderungen werden übertragen auf andere Arten, möglicherweise verändern sie die genetische Zusammensetzung aller wichtigen Getreidearten, Unkräuter und Krankheiten.

So kam es, dass heutzutage die meisten der drei Hauptgetreidearten (Korn, Weizen, und Reis) von einer Handvoll privater Firmen hergestellt, kontrolliert und „verbessert“ werden. Die grüne Revolution hat ihren Kurs verloren, und der jüngste Wandel von Lebensmitteln in Treibstoff bedeutet mehr Hunger und höhere Nahrungsmittelpreise für mehr Menschen. Die aktuelle US-Regierung argumentiert, mehr von dem genetisch veränderten Saatgut und Kunstdünger an die Armen zu verkaufen, sei die Lösung, obwohl damit die Gefahr eines weltweiten Ernährungskollaps und der Destabilisierung der Weltwirtschaft noch steigt.


Tad Patzek ist Professor für Umwelttechnik und Geoingenieurswissenschaften an der Universität Berkeley, Kalifornien. Er berichtet aus Nordamerika für Brot im Tank. Tad Patzek




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