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„Fair Trade verkommt zum Lifestyle“


Ursula Brunner wunderte sich 1973 über spottbillige Bananen. Seither engagiert sie sich für den fairen Handel. Ihre Bilanz nach 40 Jahren: Es gibt noch viel zu tun.

 

Frau Brunner, vor bald 40 Jahren zahlte man für ein Kilo Schweizer Äpfel mehr als für ein Kilo Bananen aus Mittelamerika. Das bewog Sie, sich für gerechtere Preise zu engagieren. Heute sind die Bananen immer noch billiger als die Äpfel. Hat sich nichts geändert?

Die Frage, was der gerechte Preis für ein Produkt aus einem armen Land ist, die steht noch immer im Raum. Wenn wir von Bananen sprechen, dann haben wir heute immerhin zertifizierte Fairtrade-Bananen. Das gab es damals nicht.

Aber auch die Bananen aus fairem Handel sind billiger als die einheimischen Äpfel. Da stimmt doch was nicht, müssten sie eigentlich sagen.

Das tue ich auch. Die Kriterien für die Zertifizierung fair gehandelter Bananen berücksichtigen ja durchaus Aspekte wie die Ächtung von Kinderarbeit oder existenzsichernde Löhne, und es wird ein von den Schwankungen am Markt unabhängiger Mindestpreis fixiert. Das schlägt sich auch im etwas höheren Preis für die Fairtrade-Bananen nieder. Doch gerecht ist dieser Preis nur bedingt.

Blenden wir zurück. Sie lancierten 1974 eine Kampagne gegen die Schweizer Supermarktkette Migros, die damals den Bananenpreis um 15 Rappen gesenkt hatte, weil der Dollarkurs eingebrochen war.

Wir riefen dazu auf, für jedes Kilo der billigen Bananen 15 Rappen an die Migros zu überweisen und den Konzern aufzufordern, das Geld sinnvoll für eine Verbesserung der Produktionsbedingungen zu verwenden. Bald wurden wir in die Zentrale eingeladen. Vier Kaderleute, unter ihnen der oberste Direktor, sassen uns gegenüber. Dazwischen stapelten sich auf dem Tisch die Überweisungszettel, die zu Tausenden eingegangen waren. Was wollen sie eigentlich erreichen? wurden wir gefragt. Einen gerechten Preis für Bananen, lautete unsere Antwort. Und wir wollten zeigen, dass viele Kunden auch bereit sind, diesen Preis zu zahlen. Wir bissen auf Granit. Der Direktor beschied uns, mit dem billigen Preis werde ja der Absatz gefördert. Das diene auch den Arbeitern auf den Plantagen. Eine absurde Behauptung. Zwei Jahrzehnte später übernahm die Migros Fair Trade – Bananen ins Sortiment.

Eine Genugtuung für Sie?

Durchaus. Schliesslich waren wir lange genug belächelt oder gar als Spinnerinnen bezeichnet worden. Man nahm uns einfach nicht ernst.

Doch Sie blieben dran.

Für uns war die Banane immer ein Symbol für die Ungerechtigkeit in der Welt. Und wir wollten etwas dazu beitragen, dass sich das ändert. Darum ging es uns. Und so haben wir uns in das Thema Banane hineingekniet, haben mit allen Betroffenen, vom Arbeiter auf der Plantage über die Plantagenbesitzer und den Grosshandel bis zum Endkunden gesprochen und nach Lösungen gesucht, die von allen getragen wurden.

1987 kamen die ersten fair gehandelten Gebana-Bananen aus Nicaragua auf den Markt. Weshalb dauerte das solange?

Es war nie unser Ziel gewesen, in den Bananenhandel einzusteigen. Und auch bei den Gebana-Bananen hatten wir mit dem Handel direkt nichts zu tun, das übernahm ein Grosshändler für uns. Unsere Aufgabe lag in der Überzeugungsarbeit und im Marketing. Dafür haben wir, nach zehn Jahren ehrenamtlichen Engagements, dann fünf Rappen pro Kilo abgezweigt. 10 Rappen gingen an Projekte in Nicaragua. Wir haben damit etwa saubere Latrinen gebaut und einen Kinderhort eingerichtet. Es war nicht viel, aber es war ein Zeichen für die Menschen auf den Plantagen. 1997 zogen wir uns zurück, als die grossen Schweizer Ketten Fair Trade – Bananen mit dem Label von Max Havelaar ins Sortiment aufnahmen. Unsere Bananen-Mission war damit erfüllt. Gebana existiert aber weiter und engagiert sich heute auf verschiedenen Themenfeldern in der dritten Welt. Ich bin der Organisation nach wie vor eng verbunden.

Ist die Bereitschaft der Menschen, einen gerechten Preis zu zahlen, heute grösser als vor vier Jahrzehnten?

Das würde ich nicht behaupten. Eher im Gegenteil. Fair Trade droht zum Lifestyle zu verkommen. Das ist nicht das, was ich mir damals vorgestellt hatte.

Ist denn die Welt gerechter geworden?

Nein. Und heute kann niemand mehr behaupten wie vor 40 Jahren, er habe nicht gewusst, was wir Privilegierte anrichten in dieser ungerechten Welt.

Zur Person:

Ursula Brunner, 87

wurde in Frauenfeld, der Hauptstadt des Schweizer Kantons Thurgau geboren. Sie verzichtete zugunsten ihres Mannes, eines evangelischen Pfarrers, auf den Abschluss ihres Medizinstudiums, zog sieben Kinder gross, und engagiert sich seit 1973 für den fairen Handel. Als „Bananenfrau“ war sie das Gesicht der „Arbeitsgemeinschaft Gerechter Bananenhandel“.

Pressebüro Seegrund – Sankt Gallen (CH)