Für den Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann braucht es in der aktuellen Wertedebatte in der Wirtschaft auch neue Regeln, die jene Marktteilnehmer, die nicht nur dem reinen Renditedenken folgen, nicht benachteiligen.
Ethisches Verhalten ist in der Wirtschaft neuerdings wieder sehr gefragt, das alleinige Denken an die Rendite wird zunehmend gefragt. Folgen diesen Worten auch Taten? Ich bin skeptisch. Es geht ja um die Frage, welche Inhalte mit einer bestimmten Ethik verbunden sind. Die radikalsten Vertreter einer reinen Ökonomik vertreten ja die Auffassung, die Kräfte des Marktes seien zur Selbstheilung fähig - eine im System eingebaute Ethik und damit auch eine Art Freipass für die Marktteilnehmer. Sie brauchten sich um eine weitere inhaltliche Diskussion ihres Verhaltens nicht weiter zu scheren. Der Erfolg am Markt gab ihnen recht - und galt damit, was auch immer sie taten, als ethisch gerechtfertigt. Aber es gibt ja durchaus namhafte Vertreter der Wirtschaft, etwa Stephen Green, den Präsidenten der Grossbank HSBC, die diese auch von ihm selbst gepflegte, markradikale Ethik in Frage stellen und neue Werte einfordern. Nehmen sie diese Leute nicht ernst? Doch. Auch WEF-Präsident Klaus Schwab vertritt ja schon seit langem eine Ethik, die den Unternehmen weit mehr abverlangt als das reine Denken an Rendite und Umsatz. Aber wenn ich das reale wirtschatliche Geschehen betrachte, dann sehe ich wenig Bewegung in diese Richtung. Es herrscht nach wie vor eine Denkschule vor, die primär den Interessen des Kapitals und dessen Vermehrung dient. Da steht uns noch sehr viel Aufklärungsarbeit bevor. Aber wir müssen die Wirtschaftsführer auch von den Fesseln des Kapitals befreien. Sie dürfen nicht nur den Herren dienen, die das Geld in den Taschen haben. Braucht es dafür neue Regeln? Das ist unausweichlich und übrigens auch Common Sense in der Fachwelt. Auch die Vertreter der Ökonomik bestreiten diese Notwendigkeit nicht. Seitens der Wirtschaft wurde ja gerne betont, die Staaten seien mit ihrer laschen Regulierungspolitik letztlich für die jüngste Krise verantwortlich. Der Vorwurf zielt ins Leere. Man kann weder vom Staats- noch vom Marktversagen sprechen, sondern von einer breit akzeptierten Irrlehre: die Marktgläubigkeit, die Überzeugung, der Markt regele alles aus sich selbst heraus. Das haben auch viele Politiker vertreten. Was lernen die Marktgläubigen aus der jüngsten Krise? Das wird sich weisen. Wir stecken mitten in einem Prozess, der in den Medien leider primär mit immer neuen Skandalisierungen dargestellt wird. Der Ausgang ist offen. Könnte man von einem Machtkampf zwischen Markt- und Staatsgläubigen sprechen? Das greift zu kurz. Es geht nicht um die Frage, ob der Markt oder der Staat dominiert, sondern darum, welche Werte wir als Ganzes definieren, universale Werte, die für Wirtschaftsführer und Politiker gleichermassen gelten. Dazu braucht es auch kein kompliziertes Regelwerk, sondern schlicht die Garantie, dass jene, die nach diesen ethischen Gesichtspunkten handeln, nicht benachteiligt werden. |