| Ein ökologisches Massaker |
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Die zweite Generation der Agrotreibstoffe macht alles noch schlimmer. Denn nun geht es auch noch bislang von der Agroindustrie verschonten Flächen an den Kragen. Der Mensch scheint in seiner Technologiegläubigkeit unfähig, die Konsequenzen auch nur zu bedenken. "Wissenschaft ist Magie, die funktioniert", sprach der Diktator von San Lorenzo auf seinem Totenbett, kurz bevor er sich mit dem Gift Ice 9 umbrachte. Ice 9 wurde von einem berühmten Wissenschaftler entwickelt, der auch die Atombombe erschuf und Nobelpreisträger ist. Ice 9 tötet sofort - durch Einfrieren jegliches auf Wasser basierenden Lebens. Es wurde dem Diktator durch einen Sohn des Wissenschaftlers im Austausch für einen sicheren Job zugespielt. Dieses Ice 9, die ultimative Waffe der Zerstörung, eigneten sich die beiden Grossmächte USA und Sowjetunion bei den anderen beiden Kindern des Nobelpreisträgers an. Das viel zu realistische Szenario des Romans von Kurt Vonnegut, Cat's Cradle (der amerikanische Name für Fadenspiele) zeichnet das beunruhigende Bild eines sozial verantwortungslosen Wissenschaflers, der sich überhaupt nicht um die Folgen seiner Erfindungen schert. Energie, Technologie, Wissenschaft und Agrotreibstoffe sind miteinander verflochten wie die Schnur eines Fadenspiels in den Händen eines Kindes. Wissenschaft und Technologie sind essentiell für unsere moderne Existenz und unseren Wohlstand. Doch die Feldwissenschaft, das Beobachten von Bienenstöcke und damit das Forschen in Harmonie mit der Natur, unterscheidet sich grundlegend von der Wissenschaft, die mit patentierten Monsanto-Sojabohnen arbeitet. Diese wissenschaftliche Arbeit ist kurzlebig, und die Forscher versuchen vergebens, mit Gift die Natur zu unterwerfen und kontrollieren. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Landwirtschaft, welche mit kurzlebigen Profiten arbeitet, die Bienen tötet und die Bienenstöcke unnütz macht. Schaut man kurz in das Internetarchiv von Atlantic Monthly, einem der Hauptorgane der Quasselklasse der U.S.A., findet man die folgenden Artikel im Energieversorgungsbereich: 1. Januar/Februar 2007, The God of Small Things, von Ross Douthat: Decoding genomes wasn't enough. Now Craig Venter wants to end our oil addiction. 2. Mai 2008, Waste Not, von Lisa Margonelli: A steamy solution to global warming. 3. September 2008, Gut Reactions, von Lisa Margonelli: The termite's stomach, of all things, has become the focus of large-scale scientific investigations. Could the same properties that make the termite such a costly pest help us solve global warming? 4. Oktober 2008, Blowback, von Matthew Quirk: Is wind the new ethanol? Das übliche Thema dieser Artikel beinhaltet die unrealistische und arrogante Annahme, dass das Verbrennen von frisch geernteten auf irgendeine Art Jahr für Jahr die gleiche Energie liefern könne, die erreicht wurde durch das Abfackeln jener Pflanzen, welche von der Erde aufgenommen und über einen Zeitraum von mehr als hundert Millionen Jahren zu fossilen Brennstoffen konvertiert wurden. In derselben Zeitschrift, Atlantic Monthly, wird ein Herr Sridkhar, Befürworter einer dezentralisierten Energieversorgung, zitiert: "Die menschliche Fähigkeit, aus einer Schwierigkeit durch Innovationen wieder herauszukommen ist tiefgreifend. ... Deshalb wird Darwin immer Recht behalten und Malthus immer falsch liegen." (In Who Needs the Grid? von Jane Wallace, 17.12.2009). Mit anderen Worten, die Milliarde hungernde Menschen auf der Welt, die sich Tag für Tag auf einer Malthusdiät durchs Leben kämpfen, sind nicht real, weil einige hundert Millionen darwinistische Gewinner grösste Teile der Ressourcen auf unserem Planeten nach ihrem Belieben nutzen können und diese Tatsache toll finden. Im Jahr 1954 warnte der deutsche Philosoph Martin Heidegger, die Technologie werde unser Weltbild bis zur kompletten Ausschliessung aller anderer Wertvorstellungen zementieren. Heidegger zeigt auf, dass Technologie nicht bloss ein Weg ist, die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen: "Technologie ist eine Art, uns die Natur als ein Energiereservoir, dass nur darauf wartet, von uns benutzt zu werden, aufzuzeigen". Diese Technologiegläubigkeit führe ins Gegenteil: Die Technologie beherrscht den Menschen, weil er die Fähigkeit verliert, in anderen Kategorien zu denken. "Menschen sind jedoch mehr als ein Teil eines technologischen Systems. Der Mensch in der Technologie ist nichts als ein Nutzer vorhandene Ressourcen - und kann leicht selbst als Teil davon konsumiert werden. Genau wie die armen, unausgebildeten Inselbewohner von San Lorenzo. "Gleichzeitig erhebt sich der Mensch, der an sich so gefährdet ist, auf die Position des Herren der Erde. Diese Illusion führt zu einem riesigen Wahn. Es scheint, als ob der Mensch immer und überall nur sich selbst trifft." Dies ist nach Heidegger die grösste Gefahr der Technologie, denn der Mensch verliert die Fähigkeit, Dinge, die ausserhalb des Bereiches der Technologie liegen, zu sehen: die Natur zum Beispiel. Die moderne Technologie muss die exakte physikalische Wissenschaft benutzen und ist irrtümlicherweise damit gleichgeschaltet. "Diese Illusion kann sich nur so lange selbst erhalten, wie das Wesen der modernen Technologie und der modernen Wissenschaft nicht zulänglich geklärt ist." Der sorgfältige Leser liest sich die letzten drei Abschnitte vielleicht noch einmal durch, um sich die immense Gefahr der irrtümlichen Überlegungen von Menschen, welche absolut kein Verständnis des Wesens von Wissenschaft oder Technologie haben und sich trotzdem als die Götter der grossen und kleinen Dinge verherrlichen. Nun, mit diesem Hintergrundwissen sind wir bereit, Agrotreibstoffe zu diskutieren. Das grosse, globalisierte System der Agrotreibstoffe kann nicht über längere Zeit funktionieren, dies aufgrund von einem grundlegendem Prinzip, welches das Leben auf der Erde regiert. Unser Planet ist ein thermodynamisches System. Von der Sonne kommt hoch-energetische Strahlung auf die Erde, und die Erde gibt Wärme in Form von Infrarot-Strahlen zurück ins kalte Universum. Diesem Prinzip folgt, dass alle grossen Ökosysteme der Erde fast die gesamte Masse vor Ort recyceln müssen. Ansonsten würde der angesammelte Abfall alle vergiften und schliesslich zerstören. Demzufolge muss der Abfall einer Spezies für die nächste Spezies Nahrung sein. Eine kleine Ausnahme dieses Prinzips kommt in Mooren und seichten Gewässern vor, hier werden kleine Mengen der produzierten Biomasse zur späteren Kohle, dem Öl und Gas. Die moderne Landwirtschaft negiert fast alles, was so ein gesundes Ökosystem ausmacht. Sie beinhaltet massive Monokultur, welche nur für eine gewisse Zeit und nur durch den massiven Einsatz von fossiler Energie wie Dünger, Pestiziden, Herbiziden, Benzin und zugeführtem Wasser funktionieren kann. Diese Agrarsysteme produzieren eine Menge Müll und sind komplett unhaltbar. So lange nur ein kleiner Teil der existierenden Landwirtschaft zur Agrotreibstoffproduktion umgerüstet wurde, entstand kein grösserer Schaden als durch die stets steigenden Schäden des Getreideanbaus. Daher ist die erste Generation der Biotreibstoffe, wie ineffizient und umweltschädigend sie auch immer war, relativ harmlos im Vergleich zu der zweiten Generation. Die zweite Generation der Biotreibstoffsysteme basiert auf Agrargütern, welche nicht zum Verzehr angebaut sind und aus ihrer Natur heraus viele der wichtigsten tropischen und prärielastigen Ökosysteme unserer Erde zerstören. Genau wie Heidegger es vor rund 50 Jahren voraussagte, wird der Mensch, gefangen in seiner Technologie, nun selbst konsumiert, während er sich immer noch als der Herr und Besitzer der Natur aufspielt. Man sollte auch noch einige Worte zu der Wissenschaft der Biotechnologie und Agrotreibstoffe verlieren. Man könnte sagen, dass bislang keine andere menschliche Leistung so wenig produzierte zu so exorbitant hohen Kosten. Biotechnologie, stark verbandelt mit grossen Pharmaunternehmen, brachte eine komplexe und einzigartige Korruption der Wissenschaft mit sich. Die wichtigen Einzelpersonen in der Biotreibstoffwissenschaft haben alle grosse persönliche Profite aus den Produkten ihrer Technologien gezogen. Diese Wissenschaftler scheinen auch ein eingegrenztes Weltbild zu haben, nach Heidegger und Heisenberg: Sie treffen sich in ihrem Streben und sind deshalb unfähig, die Wesen ihrer Kreationen und Aktionen zu begreifen. Beachtet man die riesigen Ressourcen, welche die ahnungslosen Regierungen und Industrien in das Trugbild der Agrotreibstoffe einschiessen, kommt man zum Schluss, dass diese Wissenschaftler gar nicht anders können als irreperablen Schaden dem Leben auf der Erde zuzufügen, bevor sie auf dem Müllhaufen der Geschichte landen. Unsere Bestrebungen, die fossilen Treibstoffe durch biologische zu ersetzen sind zum Scheitern verurteilt, wenn wir gleichzeitig ein ökologisches Massaker in den Tropen veranstalten. Erst wenn wir erkennen, dass weniger Mehr ist, können andere Lösungen gefunden werden. Die Kleinproduktion von Agrotreibstoffen für die lokale Verwendung ist jedoch absolut erstrebenswert, wie zum Beispiel zum Kochen oder Fahren der lokal produzierten Nahrung zum lokalen Markt, speziell in armen Ländern mit geringfügigem Energiekonsum. Sobald wir uns als Teil eines Ökosystems, in dem wir leben, sehen, und nicht als die Förderer seines Energiereservoirs, haben wir vielleicht eine Chance, auf lange Sicht zu überleben. Grosse Vorkommen von Erdgas, welches auf der ganzen Welt gefunden wurde, könnte uns für einige weitere Jahrzehnte versorgen, wenn wir gleichzeitig hart daran arbeiten, unseren Energiekonsum in allen Bereichen stark zu vermindern. So wie es heute aussieht, hat der Mensch nur eine sehr kleine Chance, über mehrere weitere Generationen hin zu überleben ohne einen kompletten Zusammenbruch und Rückzug der entwickelten Gesellschaften. Weitere Texte von Tad Patzek und Anderen zu diesem Thema auf Englisch: The Disastrous Local and Global Impacts of Tropical Biofuel Production http://petroleum.berkeley.edu/patzek/BiofuelQA/Materials/March_issue_low_res0207-11.pdf |


