| Auf Teufel komm raus |
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Im hohen Norden der kanadischen Provinz Alberta liegen die zweitgrössten Erdölvorkommen der Welt – als Bitumen gebunden im Erdreich. Die extrem teure Förderung ist dank der gestiegenen Ölpreise rentabel. Die Bonanza hat begonnen – allen Umweltbedenken zum Trotz.
Unendliche Weiten, Wälder, Sümpfe, wild mäandrierende Flüsse, riesige Seen: Die borealen Wälder im Norden der kanadischen Provinz Alberta sind kaum besiedelt. Insgesamt verfügt Kanada über rund drei Millionen Quadratkilometer dieser Naturparadiese. Es sind mit die letzten vom Menschen kaum berührten Gebiete der Welt. „Wir stören gerade 0,2 Promille dieser Wildnis mit unserem Ölsand-Abbau rund um Fort McMurray. Das ist doch absolut vertretbar“. Dan Thompson, Präsident der „Oil Sands Developers Group“, dem Dachverband der Förderfirmen, redet seine Industrie klein. Das ist sein Geschäft. Doch es gibt auch einen anderen Massstab, von dem der Ölmanager nicht spricht. 173 Milliarden Fass Erdöl liegen auf einem unerschlossenen Gebiet von der Grösse Griechenlands – rund fünf Prozent der borealen Wälder Kanadas. Das ist, nach Saudi-Arabien, das zweitgrösste Vorkommen der Welt. Gerade ein Fünfzigstel davon ist bislang gefördert worden - auf einer Fläche von 700 Quadratkilometern. Darauf bezieht der Ölmanager seinen reichlich schiefen Vergleich. Denn die Industrie hat in den kommenden Dekaden Grosses vor. 60 Milliarden Franken werden bis 2020 in neue Förderanlagen investiert.
Immer mehr Klimagas Das Öl ist in Form von Bitumen gebunden in eine Masse aus Sand, Lehm und Wasser. Der technische und energetische Aufwand, es zu fördern, ist immens (siehe Kasten). Die Kosten liegen mit rund 25 Franken pro Fass rund 20 mal höher als bei konventionell heraufgepumptem Öl. Wegen dieses hohen Aufwandes wurden bis vor wenigen Jahren die Ölsande Kanadas in den offiziellen Statistiken noch nicht einmal als Reserven ausgewiesen. Doch die Zeiten billigen Öls sind vorbei. Damit sieht die Renditerechnung ganz anders aus. Die Bonanza kann beginnen. Und das Schönreden. Laut Dan Thompson ist der CO2-Ausstoss pro Tonne in den vergangenen 20 Jahren um 14 Prozent gesunken und liegt damit im Einklang mit den Zielen des Kyoto-Protokolls. Was Thompson nicht sagt: Der absolute Ausstoss ist in diesem Zeitraum wegen der ausgeweiteten Produktion gestiegen. Und er wird weiter zunehmen. Für das Jahr 2020 rechnet Simon Dyer vom Umweltforschungsinstitut Pembina in Edmonton mit einem Achtel des gesamten kanadischen Ausstosses an Klimagasen. Derweil hat die Provinzregierung Albertas zwei Milliarden Franken an Forschungsgeldern freigegeben, um das C02 langfristig in tiefen Erdschichten zu binden. Dabei lässt sich diese mit Preisen von über 100 Franken pro Tonne extrem teure Technologie für das besonders CO2-intensive In Situ-Verfahren noch nicht einmal anwenden. 91 Ölsand-Minen-Projekte sind – ohne unabhängig durchgeführte Umweltverträglichkeitsprüfung - bereits genehmigt, kein einziges ist bislang abgelehnt worden. Sie werden auch in grössere Tiefen von mehr als 75 Meter vordringen, wo Tagebau nicht mehr möglich ist. Dazu muss unter hohem Druck Wasserdampf in die Bitumen führenden Schichten gepresst werden, um diese zu verflüssigen und heraufzupumpen. Damit kann wenigstens die vollständige Zerstörung der Landschaft, wie sie im Tagebau unabdingbar ist, gemildert werden. Doch der Teufel wird mit dem Belzebub ausgetrieben. Der Energieaufwand des „In Situ“-Verfahrens ist nochmals deutlich höher – und damit der CO2-Ausstoss, der etwa um die Hälfte steigt. Da kann es schon nicht mehr verwundern, dass in Alberta inzwischen ernsthaft darüber nachgedacht wird, Atomkraftwerke zu bauen, um vom Erdgas, das in den Nordwestern Territories gefördert wird, wegzukommen und die verheerende Klimabilanz aufzupolieren. Für Mike Hudema, Kampagnenleiter Klima und Energie bei Greenpeace Kanada, sind diese Pläne der Beweis, „dass es schlicht kein sauberes Verfahren gibt, um Ölsand zu fördern“. Greenpeace verlangt den kompletten Ausstieg aus dem Ölsand und sieht sich bestärkt in Bestrebungen im einzigen Abnehmerland des Ölsands, den Vereinigten Staaten. So habe Kalifornien ein Gesetz erlassen, das Umweltstandards für Erdöl festlegt, die so hoch sind, dass Ölsand-Öl eigentlich verboten werden müsste. Auch auf Bundesebene soll zumindest im öffentlichen Sektor nur „sauberes“ Erdöl verwendet werden. Ob das mehr sind als reine Lippenbekenntnisse, wird sich weisen. Der Bau einer neuen Pipeline aus dem hohen Norden Albertas in den mittleren Westen der USA, wo das Öl raffiniert werden soll, ist jedenfalls schon beschlossene Sache. Bis 2020 sollen es täglich 4,5 Millionen Fass sein, das Dreifache der heutigen Produktion. Damit wird Kanada seine CO2-Reduktionsziele bei weitem verfehlen. Denn schon heute liegt das Land um 34 Prozent über dem Ausstoss von 1990, der Richtschnur, die es eigentlich bis ins Jahr 2012 hätte um sechs Prozent unterbieten sollen. Jetzt wird im Jahr 2020 alleine der CO2-Ausstoss der Ölsandminen für ein Achtel der dannzumal angestrebten Klimagas-Emissionen verantwortlich sein. Doch das, so lässt sich das Argumentarium der diesbezüglich im Gleichschritt argumentierenden Öllobby und der Provinzregierung deuten, ist der Preis für den wirtschaftlichen Fortschritt und die Energiesicherheit. Dass es dabei um jene der Vereinigten Staaten geht und nicht etwa um jene Kanadas, wird in diesen Verlautbarungen nicht erwähnt. Die östlichen und zentralen Provinzen des Landes beziehen ihr Öl aus dem Mittleren Osten.
Miserable Umweltbilanz Umwelt- und Klimaschutz verkommen vor diesem Hintergrund zu Absichtserklärungen. Noch nicht einmal das technische Potenzial wird ausgeschöpft. Die Technologie zur Aufbereitung des Bitumen in so genannten „Upgradern“ basiert auf einem vor 80 Jahren entwickelten Verfahren und liesse sich nach Angaben von Peter Lee von Global Forest Watch Kanada mit geringem Aufwand optimieren. Lee hat untersucht, wie nahe die bereits bestehenden Ölsandminen an der best möglichen Technologie sind. Das Ergebnis ist ernüchternd: Gerade mal 33 von 100 möglichen Punkten werden erreicht. Die Tailing Ponds, in denen bis heute 720 Milliarden Liter Produktionsabwässer zurückgehalten werden, sind nur mit Erdwällen zum natürlichen Fliesswassersystem abgedichtet. Lee schätzt, dass so täglich 5,7 Millionen Liter in den Athabasca River gelangen. Zwar werde das Wasser, so versichert Dan Thompson, regelmässig überwacht. „Wir haben bis heute keine nennenswerte Grenzwertüberschreitung festgestellt.“ Die Kritiker monieren indes Methodik und Ernsthaftigkeit dieses Monitorings und sehen sich in den Erfahrungen in Fort Chipewyan bestätigt, einem 1500 Seelen-Dorf 230 km flussabwärts am Ufer des Athabascasees. Dort sind in den vergangenen Jahren gleich drei Fälle einer extrem seltenen Krebsart aufgetreten. Missgebildete Fische seien an der Tagesordnung, sagt Mike Mercredi, ein ehemaliger Fahrer eines der riesigen Kipplaster mit einem Fassungsvermögen von 400 Tonnen, die den Ölsand im Minutentakt von der Mine zur Verarbeitungsstätte transportieren. 23‘000 Liter Benzin lassen sich aus einer einzigen 400 Tonnen – Ladung gewinnen. Da erscheint der Lohn des Fahrers, rund 100‘000 Franken pro Jahr, fast schon etwas schäbig. Doch Mercredi hat damit aufgehört. „Ich hatte zunehmend das Gefühl, ich bringe meine eigenen Angehörigen um mit meiner Arbeit“. Jetzt sammelt er Belege für die Verschmutzung der Ölindustrie. Es seien nicht nur Gewässerverschmutzung und Landschaftsverschandelung, die zu schaffen machen. Auch das Wild habe sich verzogen. Der Widerstand bleibt im Dorf dennoch auf Sparflamme. „Es gibt hier nur einen Arbeitgeber“, sagt Mercredi. „Die Ölindustrie. Da heisst Aufmucken automatisch Arbeitslosigkeit“. Tatsächlich beschäftigen die Ölsandfirmen, wie sie selbst stolz betonen, rund 1500 Indianer. Und die Sponsorenschilder in den von Indianern bewohnten Reservaten sind nicht übersehen: da ein Zustupf für Computerkurse für Kinder, dort ein Beitrag für ein Gemeindezentrum. Die tatsächlichen Mitspracherechte der Ureinwohner beschränken sich auf einen Konsultationsprozess während der Projektierungsphase. Doch dort werde man meist vor vollendete Tatsachen gestellt, sagt George Poitraf, der frühere Häuptling von Fort Chipewyan. Derzeit laufen gleich mehrere Klagen. „Denn unsere Anliegen werden schlicht ignoriert. Das können auch die hohen Gehälter für die in der Industrie Beschäftigten und die Geschenke nicht kaschieren“. Dan Thompson gibt sich diesbezüglich bedeckt. Er kommentiere keine laufenden Verfahren. Mammon oder Umwelt? Wie sagte Ed Stelmach, Premierminister der Provinz Alberta, im Mai 2009 an einer Konferenz in Genf: „Albertas Türen bleiben für die nächsten 150 Jahre offen für alle, die in der Ölindustrie investieren oder arbeiten wollen“. Händeringend wird weltweit nach Zehntausenden Arbeitskräften gesucht. Fort Mc Murray, die Metropole des Booms, hat die Bevölkerungszahl in nur einem Jahrzehnt auf 85000 vervierfacht. 2020 sollen hier gar 250000 Menschen leben. Die Stadt platzt schon jetzt aus allen Nähten, viele leben in Bungalows und Mobilhomes, Tausende in Camps der Ölindustrie, wo sie jeweils für eine Zweiwochenschicht bleiben, um dann für zwei Wochen nach Hause zu fliegen – bis in die 6000 Kilometer entfernten Provinzen im Osten Kanadas. Dort und im ganzen Land sind die Umweltfolgen des Ölsand-Abbaus bislang kaum ein Thema. Noch, sagt Mike Hudema, dem man auch unterstellen könnte, er sei Berufsoptimist. Doch er meint es ernst. „Wenn die Bevölkerung einmal realisiert, was auf dem Spiel steht, wird es die Ölindustrie nicht mehr so leicht haben“. Das wird sich weisen müssen. Denn letztlich muss sich eine breite kanadische Öffentlichkeit der Frage stellen, was wichtiger ist: der Mammon oder die Umwelt. Einen Weg dazwischen scheint es nicht zu geben.
Kasten: Für ein Fass Öl (155 Liter) werden benötigt: 4 Tonnen Ölsand 300 bis 750 Liter Fässer Wasser zur Extraktion des Bitumens 1071 Kubikmeter Erdgas (etwa ein Drittel des Energieeinhaltes des produzierten Öls) Die CO2-Emissionen der Förderung und Aufbereitung übersteigen jene des konventionell geförderten Öls um das Zwei- bis Dreifache.
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