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"Auch ich habe meinen Stolz"


Für Betroffene ist die Arbeit in sklavenanalogen Verhältnissen eine demütigende Erfahrung über die sie nicht gerne Sprechen. Feliciano aus Villa Rica im Bundesstaat Amazonien in Brasilien fasste sich dennoch ein Herz.

Sie müssen sich als Landarbeiter für wenig Geld verkaufen. Haben Sie nie versucht einen Schlussstrich zu ziehen und irgendetwas Neues zu versuchen?

Wie denn? Ich bin ein guter Arbeiter und habe auf mehr als einem Dutzend Fazendas gearbeitet. Überall gibt es die so genannten Gatos. Das sind Arbeitsvermittler und Aufseher oft in einer Person. Diese Leute rühren keinen Finger, bestehlen uns, hauen uns bei der Lohnauszahlung übers Ohr und betrügen beim Lebensmittelverkauf. Zudem sind sie gewalttätig. Die Fazendas sind oft abgelegen. Weit und breit kein Dorf. Es gibt nur die Lebensmittel der Vermittler, die wir daher kaufen müssen. Am Schluss einer Arbeitsperiode habe ich zu wenig verdient, um etwas anderes zu machen.

Wie sind Sie in den Kreislauf von unterbezahlter Arbeit gekommen, die es nie ermöglicht, etwas aufzubauen?

Meine Eltern waren arm. Ich musste mit 13 Jahren meinen Lebensunterhalt verdienen und ging deshalb von zu Hause fort. Ich habe meine Eltern nie wieder gesehen.

Haben Sie nie versucht, an einer Stelle länger zu bleiben, um so ein Vertrauensverhältnis aufbauen zu können?

Wir sind Taglöhner. Uns holt man, wenn es Arbeit gibt, und: uns feuert man, wenn sie zu Ende ist. Die Kontaktpersonen sind die Gatos, die an Orte kommen, wo Arbeitssuchende zu finden sind. Ich kann oft nicht einmal meine Frau benachrichtigen, wo ich untergekommen bin. Wenn es keine Arbeit mehr gibt, stehen wir wieder auf der Strasse.

Wenn es überall vorkommt, dass die Arbeiter betrogen werden, scheint ein System dahinter zu stecken.

Die Fazendeiros, die Großgrundbesitzer, bestehlen uns nicht direkt. Aber sie lassen die Gatos machen, was die wollen. Die Großgrundbesitzer wissen, dass wir uns nicht beschweren können.

Viele Fazendas liegen, wie sie schon sagten, abgelegen. Die Situation erinnert an eine Art Gefangenschaft.

Die Arbeit beginnt oft mit Schulden, weil man zuerst den Transport und die ersten Lebensmittel bezahlen muss. Damit ist man in den Händen der Gatos. Einmal war ich auf einer Fazenda in Pará. Wir mussten eine Viehweide anlegen und erfuhren plötzlich, dass wir an Weihnachten nicht nach Hause fahren dürfen, wenn sie nicht fertig sei. Das war gegen die Abmachung, doch die drei bewaffneten Aufseher sagten, wir sollten die Klappe halten. Zwei Arbeiter versuchten zu fliehen. Die Gatos haben sie erwischt und einem den Revolverlauf in den Mund gestoßen. So bekamen wir Angst. Wir mussten alle Lebensmittel zum doppelten Preis kaufen und verschuldeten uns, obwohl wir schufteten. Dann geschah ein Wunder. Die Bundespolizei tauchte auf. Der Fazendabesitzer musste uns Arbeitspapiere geben und uns auszahlen. Keiner wollte bleiben.

Wie bekommt die Bundespolizei Hinweise auf solche Arbeitsbedingungen?

Oft sind es entlaufene Arbeiter, die die Bundespolizei alarmieren. Doch nicht immer sind die Behörden auf unserer Seite. Ich habe erlebt, wie ein Arbeiter floh und wieder eingefangen wurde. Die Gatos schlugen ihm ins Gesicht und zwangen ihn wieder zur Arbeit. Später floh er erneut, wurde von der Polizei aufgeschnappt, drei Tage ins Gefängnis geworfen und wieder auf die Fazenda gebracht. Der arme Mann sagte mir, er würde nicht einmal einen Hund so behandeln.

Leben Denunzianten nicht gefährlich?

Sie kommen meist mit, um der Polizei alles zu zeigen. Aber sie haben zu ihrem Schutz einen Sack über dem Kopf, so dass man sie nicht erkennen kann.

Die Taglöhner arbeiten auf den Fazendas also meist ohne Arbeitspapiere?

Und ohne Versicherung. Einmal schlug mir bei einer Rodungsarbeit in Parana eine Motorsäge von einem federnden Ast zurück ins Gesicht. Ich hatte eine schreckliche Wunde, die tagelang nicht verheilte. Sie brachten mich schließlich in ein Spital, aber bezahlt wurde kein Cent. Später kam die Bundespolizei auch auf diese Fazenda. Es war für mich zu spät, sonst hätte ich noch Lohn, Entschädigung und Arbeitspapiere bekommen.

Wegen dieses Unfalls haben Sie wohl lange nichts verdient. Wie kamen sie über die Runden?

Ich hatte auf der Fazenda sogar noch Schulden, weil die Lebensmittel noch nicht abgerechnet waren. Danach mussten meine Frau und ich fünf Monate lang auf Pump einkaufen. Nun bin ich daran, diese Schulden zurück zu zahlen. Ich habe schließlich auch meinen Stolz und will nichts schuldig bleiben.

 

 

Pressebüro Seegrund – Sankt Gallen (CH)